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Mittwoch, 23. September 2026

Kutaisi und die Geschichte vom Goldenen Vlies

Kutaisi gilt als eine der ältesten kontinuierlich besiedelten Städte Europas. Die Stadt ist deutlich weniger herausgeputzt als Batumi oder das Zentrum von Tbilissi. Hier sieht vieles noch ziemlich sowjetisch aus. Dafür hat die Stadt ein großes historisches Erbe: In der Antike lag hier das Gebiet des Königreichs Kolchis, und Kutaisi wird häufig mit dessen Hauptstadt Aia in Verbindung gebracht. Später war die Stadt Hauptstadt verschiedener georgischer Königreiche und zeitweise sogar Hauptstadt des vereinigten Georgiens. Ein weithin sichtbares Zeugnis dieser Zeit ist die Bagrati-Kathedrale, die Anfang des 11. Jahrhunderts unter König Bagrat III. errichtet wurde.

Im Zentrum steht heute der auffällige Kolchis-Brunnen. Die goldfarbenen Figuren sind vergrößerte Nachbildungen archäologischer Funde aus der Kolchis-Kultur – Tiere, Schmuckstücke und andere Motive, die teilweise mehrere tausend Jahre alt sind. 

Besonders interessant ist die Verbindung Kutaisis mit einer der bekanntesten Geschichten der griechischen Mythologie. Der Sage nach segelte Jason mit den Argonauten auf der Argo nach Kolchis, um das Goldene Vlies zu erbeuten. König Aietes hatte es in einem heiligen Hain aufbewahren und von einem niemals schlafenden Drachen bewachen lassen. Jason hätte seine Aufgaben vermutlich nicht geschafft, wenn sich nicht Medea, die Tochter des Königs, in ihn verliebt hätte. Sie war zauberkundig, half ihm bei den Prüfungen, versetzte den Drachen in Schlaf und floh schließlich gemeinsam mit Jason und dem Goldenen Vlies aus Kolchis nach Griechenland. Die weitere Geschichte der beiden verlief dann allerdings deutlich weniger romantisch.

War das Goldene Vlies vielleicht gar nicht nur eine Sage? Hinter dem Mythos könnte ein reales Verfahren zur Goldgewinnung im Kaukasus stecken. In den Flüssen der Region wurde seit alter Zeit Schwemmgold gewonnen. Dazu sollen Schaffelle in das strömende Wasser gelegt worden sein. Die schweren Goldpartikel verfingen sich zwischen den Haaren der Wolle. Anschließend ließ man das Fell trocknen und klopfte beziehungsweise kämmte das Gold heraus. Ein mit feinen Goldpartikeln durchsetztes Schaffell könnte tatsächlich ziemlich golden ausgesehen haben. Bereits antike Autoren beschrieben eine Goldgewinnung mit Fellen in dieser Region. Ob daraus tatsächlich die Sage vom Goldenen Vlies entstand, lässt sich natürlich nicht beweisen. Die Verbindung ist aber zumindest plausibler als ein fliegender Widder mit einem Fell aus massivem Gold.

In Kutaisi endet unsere Reise durch Georgien. Zum Abschluss haben wir ein letztes Mal bei einer Familie auf dem Dorf original georgisches Essen genossen, sind über den grünen Markt geschlendert und mit der Gondel aus Sowjetzeiten gefahren Zwölf Tage waren wir unterwegs und haben dabei ein erstaunlich vielseitiges Land kennengelernt. Heute Nachmittag geht unser Flieger zurück nach Berlin – mit vielen neuen Eindrücken, ein paar Flaschen georgischem Wein und einigen Tschurtschchela im Gepäck.











Am Schwarzen Meer

Batumi ist nach Tbilissi die zweitgrößte Stadt Georgiens und Hauptstadt der autonomen Republik Adscharien. Die Stadt liegt direkt am Schwarzen Meer, nur etwa 20 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Nach den trockenen Landschaften Ost- und Südgeorgiens wirkt Batumi fast wie ein anderes Land: Palmen, subtropisches Klima, üppiges Grün und viel Regen prägen die Gegend.

Die Stadt selbst ist eine ziemlich eigenwillige Mischung aus alter Hafenstadt, mondänem Seebad, sowjetischer Vergangenheit und modernem Las Vegas. Zwischen restaurierten Häusern aus dem 19. Jahrhundert stehen gläserne Hochhäuser, Luxushotels und Casinos. Abends wird ein beträchtlicher Teil davon bunt beleuchtet. Ob man das schön findet, ist Geschmackssache – langweilig ist Batumi jedenfalls nicht.

Batumi besitzt einen natürlichen Hafen und war wegen seiner Lage schon in der Antike von Bedeutung. Die Stadt gehörte unter anderem zum Osmanischen Reich, bis sie 1878 nach dem Russisch-Osmanischen Krieg an das Russische Reich fiel. Danach begann der eigentliche Aufstieg. Batumi wurde Freihafen und wichtiger Umschlagplatz für Erdöl aus Baku. Eine Eisenbahn verband Batumi mit Tbilissi und Baku; später kam eine Pipeline hinzu. Ende des 19. Jahrhunderts war Batumi einer der bedeutenden Erdölhäfen am Schwarzen Meer.

Das eigentliche Markenzeichen der Stadt ist der Batumi Boulevard. Seine Anfänge reichen bis 1881 zurück. Heute zieht sich die breite Promenade mit Parks, Palmen, Radwegen, Cafés und Kunstwerken kilometerweit am Schwarzen Meer entlang. Am nördlichen Ende stehen einige der bekanntesten modernen Wahrzeichen. Der Alphabetic Tower ist etwa 130 Meter hoch und trägt die 33 Buchstaben des georgischen Alphabets auf einer spiralförmigen Konstruktion, die an eine DNA-Doppelhelix erinnert. Gleich daneben befindet sich „Ali und Nino“, eine acht Meter hohe bewegliche Skulptur der georgischen Künstlerin Tamara Kvesitadze. Zwei Figuren bewegen sich langsam aufeinander zu, verschmelzen scheinbar miteinander und trennen sich anschließend wieder. Vorbild ist der Roman Ali und Nino über die tragische Liebe zwischen dem muslimischen Aserbaidschaner Ali und der christlichen Georgierin Nino.

Wir hatten in den Gassen der Altstadt von Batumi einen langen und schönen Abend. Bis 3 Uhr morgens haben wir gegessen, getrunken und auf den Straßen getanzt.

Auf unserer Weiterfahrt entlang der Küste sind wir auf unglaublich viele neue Bauprojekte gestoßen. Gefühlt wird die gesamte georgische Schwarzmeerküste mit riesigen Bettenburgen aus Beton und Glas zugebaut. Einige der Rohbauten stehen bereits unfertig da und beginnen zu verfallen. Da fragt man sich schon, wie das hier einmal enden soll. Wer soll all diese Wohnungen und Hotelzimmer irgendwann füllen? Das kann doch auf Dauer nicht funktionieren. Etwas mehr staatliche Steuerung bei dieser Entwicklung würde der Küste guttun.

Blick aus unserem Hotelzimmer









Dienstag, 22. September 2026

Land und Leute

Georgien ist ein erstaunlich vielfältiges Land auf ziemlich kleiner Fläche. Flächenmäßig kleiner als Bayern und mit rund 3,7 Millionen Einwohnern kleiner als Berlin – landschaftlich bekommt man aber vom subtropischen Schwarzen Meer über Weinberge und Halbwüsten bis zu den über 5.000 Meter hohen Gipfeln des Großen Kaukasus fast alles geboten.

Die Menschen hier sind überwiegend wenig herzlich, ja nicht einmal freundlich. Eher distanziert. In Restaurants wirken Lächeln mühsam antrainiert. Ausnahmen bestätigen die Regel. Vielleicht hängt diese Mentalität mit dem ständigen Kampf ums Überleben zusammen. Mich stört es weniger. Ich werde gerne in Ruhe gelassen. Hin und wieder nervt es, in Restaurants die Bedienung nach 20 Minuten nötigen zu müssen, endlich eine Bestellung anzunehmen.

Geografisch liegt Georgien genau an der Nahtstelle zwischen Europa und Asien. Kulturell und politisch orientiert sich ein großer Teil des Landes stark nach Europa. Gleichzeitig sind persische, osmanische, russische und natürlich kaukasische Einflüsse überall zu erkennen. Die Georgier selbst heißen Kartvelebi, ihre Sprache Kartuli. Georgisch gehört nicht zu den slawischen, indoeuropäischen oder turkmenischen Sprachen, sondern zur kleinen Familie der kartwelischen Sprachen. Und das merkt man schnell: Selbst mit Russischkenntnissen kann man sich aus georgischen Wörtern kaum etwas zusammenreimen. Noch auffälliger ist die Schrift: საქართველო – Sakartvelo – Georgien. Das heutige Alphabet besitzt 33 Buchstaben und sieht mit seinen runden Formen fast wie eine kalligrafische Geheimschrift aus. Die georgische Schrifttradition ist so eigenständig, dass sie von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt wurde. Beherrscht man das georgische Alphabet, ist es wiederum nicht schwer, sich zu verständigen. Auf mich wirken die georgischen Schriftzeichen wie Malerei - einfach schön anzuschauen.

Georgien besitzt eine sehr alte staatliche und kulturelle Tradition. Bereits in der Antike existierten hier die Königreiche Kolchis im Westen und Iberien/Kartli im Osten. Kolchis ist dabei genau jenes sagenhafte Land, in das Jason und die Argonauten auf der Suche nach dem Goldenen Vlies aufbrachen. Dazu später mehr in Zusammenhang mit der Stadt Kutaissi.

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Unterwegs und zwischendurch

Es gäbe so viel zu erzählen von unterwegs, von der Landschaft, von kuriosen Begegnungen und Kopfschüttel-Momenten. Leider fehlt mir die Zeit zum Berichten. Ich hinke drei Tage hinterher und morgen fliegen wir zurück nach Deutschland. Deshalb folgend eine Bildserie mit Schnappschüssen. Die Geschichten dazu holen wir im persönlichen Gespräch nach.














Hartes Programm

Nicht jeder konnte sich an der vorbeiziehenden Landschaft gleichermaßen erfreuen wie ich ;-)

Von Klöstern und Festungen

Freunde historischer Klöster, Kirchen und Festungsanlagen werden in Georgien auf Schritt und Tritt fündig. Wir haben ob der Vielzahl solcher Gebäude einiges ausgelassen, was auf dem Weg lag. Erwähnenswert seien hier die wiederaufgebaute Festungsanlage Rabati in Achalziche, das Kloster Sapara und die Burg Chertwisi. 

Die Rabati-Burg ist beeindruckend. Innerhalb der mächtigen Mauern stehen orthodoxe Kirche, Moschee, Synagoge und katholische Kirche beziehungsweise deren historische Zeugnisse dicht beieinander. Besonders auffällig ist die Achmediye-Moschee aus dem 18. Jahrhundert mit ihrer goldfarbenen Kuppel. Dazu kommen Wehrtürme, Bäder, Brunnen, Innenhöfe und das historische Museum der Region. Rabati wirkt dadurch weniger wie eine einzelne Burg als vielmehr wie eine kleine befestigte Stadt.

Allerdings ist nicht alles so alt, wie es aussieht. Die Anlage wurde 2011/2012 für rund 34 Millionen Lari (etwa 11 Mio Euro) umfassend restauriert und teilweise rekonstruiert. Dabei wurde kräftig aufpoliert und teilweise auch neu interpretiert. Gerade von der Moschee wird wegen ihrer Form und Farbe immer wieder behauptet, sie sei nach dem Vorbild des Felsendoms in Jerusalem gestaltet worden. Das führte zu Spannungen zwischen Georgien und der Türkei: Die türkische Seite kritisierte unter anderem Veränderungen an der Moschee, während in Georgien wiederum darüber gestritten wurde, wie stark das osmanische Erscheinungsbild der Anlage betont werden sollte. Das Ergebnis ist ausgesprochen fotogen, bei der historischen Authentizität einzelner Bereiche muss man allerdings Abstriche machen. 

Nur etwa zehn Kilometer südlich von Achalziche liegt das Kloster Sapara ziemlich abgeschieden in einem bewaldeten Bergtal. Schon die Lage ist besonders: Die Gebäude schmiegen sich zwischen Felsen und dichten Wald und sind aus der Ferne kaum zu erkennen. Der Name Sapara bedeutet sinngemäß „verborgen“ oder „geschützt“ – passender hätte man den Ort kaum nennen können.

Die Festung Chertwisi thront auf einem hohen Felssporn über dem Zusammenfluss zweier Flüsse. Von oben konnten sowohl die beiden Flusstäler als auch wichtige Handels- und Heerstraßen kontrolliert werden. Unterhalb der Burg führt eine Hängebrücke über den Fluss Kura. Von ihr hat man einen besonders schönen Blick auf die Burg.









Heilwasser

Die Kleinstadt Bordschomi ist vor allem wegen ihres Mineralwassers bekannt, das bereits im 19. Jahrhundert den Ort zu einem mondänen Kurort machte. Das Wasser tritt aus großer Tiefe etwa 35°C warm an die Oberfläche und nimmt auf seinem Weg durch das vulkanische Gestein zahlreiche Mineralstoffe auf. Ab 1890 wurde es industriell abgefüllt, um 1900 bereits exportiert. Wir haben direkt aus der Quelle getrunken, aber nicht allen ist das berühmte Heilwasser bekommen. Sehr speziell. Wer faule Eier mag, wird begeistert sein.

Berühmt geworden ist der Kurort als Sommersitz der russischen Zaren und später der Sowjetführung. Bis auf den Kurpark und ein paar hübsche Gebäude aus alter Zeit ist hier nicht wirklich viel zu sehen. Die besten Jahre scheinen vorbei zu sein.